Von Xie Guozhong 谢国忠. Originalartikel: Huanqiu Qiyejia vom 20.9.2011.
Übersetzung:
Spekulationskapital löst Marktturbulenzen aus und plündert gesellschaftlichen Wohlstand
Das Renditestreben riesiger Mengen von Spekulationskapital hat auf den globalen Märkten heftige Turbulenzen verursacht, und derzeit kann man sich weder des Willens noch der Fähigkeit zur Spekulationsbekämpfung auf Seiten der Regierungen sicher sein .
Allein in den letzten zwei Wochen hat der dahindümpelnde globale Aktienmarkt ein Vermögen im Wert von 10 Billionen US-Dollar eingebüßt. Die Staats-Kreditkrise der Eurozone, zusammen mit der Herabstufung des US-Kredit-Ratings, und nicht zuletzt die erneute Abschwächung der Weltwirtschaft haben zu den diesmaligen hektischen Aktienverkäufen geführt. Aber sehr wahrscheinlich haben undurchsichtige Marktmanipulationen diese Marktschwankungen noch verstärkt.
Die Kursstürze lassen sich tatsächlich zu einem großen Teil durch diese „Verschwörungstheorie“ erklären. Die laxe Geldpolitik der letzten 20 Jahre hat eine große Menge an Spekulationskapital hervorgebracht. Aufgrund des begrenzten Volumens der Weltwirtschaft, das den Gewinnerwartungen dieses Spekulationskapitals nicht genügt, bleibt ihm nur die Möglichkeit, über die Generierung starker Marktschwankungen den Wohlstand von Otto Normalverbraucher zu plündern. Die Geschädigten stoßen bei einer Talfahrt des Marktes ihre Werte in Panik ab, während sie sich bei florierenden Märkten in freudiger Erwartung zu hohen Preisen einkaufen.
Die Weltwirtschaft hat sich noch nicht von der Finanzkrise von 2008 erholt. Die Schuldenprobleme und Haushaltsdefizite der westlichen Länder und das Problem der übermäßigen Exportabhängigkeit der Länder im Osten sind bislang noch nicht gelöst. Die wirtschaftliche Erholung in den letzten zwei Jahren verdankt sich Konjunkturprogrammen. Diese Ankurbelung wurde durch Staatskredite finanziert.
Durch den sich nun vollziehenden Übergang in der westlichen Politik von der Wirtschaftsstimulation zur Kontrolle der Haushaltsdefizite verliert die Weltwirtschaft ihren Antrieb. Die Zahlen des transpazifischen Güterverkehrs in diesem Sommer verdeutlichen ebenfalls das Ausmaß des Rückgangs des Welthandels. Es gibt also reichlich objektive Gründe für gesenkte Wachstumserwartungen der weltweiten Aktienmärkte.
Doch diesmal ist diese Anpassung sehr schnell in Panik ausgeartet. Auslöser war der rapide Zinsanstieg bei italienischen und spanischen Staatskrediten. Der Ankauf der Staatspapiere der beiden Länder durch die EZB wäre eigentlich eine wirksame Maßnahme gegen das zinstreibende kurzfristige Abstoßen gewesen, die die Märkte allmählich wieder beruhigt hätte. Doch geriet genau in diesem Augenblick der US-Markt in Panik – die Herabstufung der US-Bonität durch Standard & Poor hatte die Anleger verunsichert..
Tatsächlich jedoch sind nach der Herabstufung die Zinsen für US-Staatspapiere sogar ein wenig gesunken, ein Beweis für das Vertrauen des Marktes in die Rückzahlungsfähigkeit der US-Regierung. Die Maßnahmen der Fed haben den amerikanischen Markt stabilisiert. Auch die französische Regierung würde nie tatenlos zusehen, wie ihr Bankensystem zusammenbricht. Die Marktschwankungen kurz vor Börsenschluß in Hongkong sind sehr wahrscheinlich das Ergebnis von Marktmanipulationen, ausgerichtet auf eine Beeinflussung der Eröffnungskurse in den USA. Zur Beeinflussung des Schlusskurses an der Hongkonger Börse über den Aktien-Terminhandel wird nicht viel Kapital benötigt.
Das globale Spekulationskapital kann sich über das weltweite Bankensystem weiter ausdehnen, das real nutzbare Spekulationskapital entspricht vielleicht dem Gesamtvolumen der Weltwirtschaft. Damit ein so immenses Kapital beträchtlichen Gewinn erwirtschaften kann, muss es Gelegenheiten für die Neuverteilung von Vermögen schaffen. Eine nur auf die Realwirtschaft gestützte Rendite wäre bei weitem nicht ausreichend. Deshalb sollten wir die plötzlichen und heftigen Schwankungen auf den globalen Märkten mit Argwohn betrachten.
Zur Zeit des Niedergangs des Römischen Reichs gab es immer wieder Barbareneinfälle (die hunnischen Reiterheere, Germanenstämme) in die Grenzregionen, bei denen die letzten Schätze der Städte des Reichs geplündert wurden. Das Spekulationskapital ist das Barbarentum der heutigen Zeit. In einer Situation, in der der westliche Welt Soziallasten und abnehmende Wettbewerbsfähigkeit zu schaffen machen, befriedigt das Spekulationskapital seine Gier durch die Herbeiführung von großen Marktturbulenzen und plündert den letzten Rest des Wohlstands der Gesellschaft.
Wenn die westliche Welt ein ruhiges Leben führen will, dann muss sie Wege zur Kontrolle dieser Attilas unserer Tage finden. Doch das eng verflochtene Beziehungsnetz zwischen Politik und Wirtschaft im Westen lässt einen an einer wirksamen Kontrolle der Spekulation durch Regierungsbeamte zweifeln.
Auf den Straßen Londons hat es bereits gebrannt. Die Reduzierung des Haushaltsdefizits trifft zuerst die Armen. Die im Zuge der Marktschwankungen erzielten Gewinne der Finanzspekulation kommen zum Großteil aus der Mittelschicht, deren Unwissenheit und Ohnmacht die Spekulanten ausnützen um an ihr Vermögen zu kommen.
Die Zentralbanken drucken im Zeichen der Ankurbelung der Wirtschaft Tag und Nacht Geld, was gleichzeitig die Ersparnisse der Mittelschicht erodieren lässt und ihre Kaufkraft schwächt.
Genau diese Methoden, die viele Menschen verarmen lassen, bringen die Welt an den Rand der Revolution.
Erst wenn das die Welt beherrschende System der Finanzoligarchie gestürzt ist, wird diese Welt wieder Frieden finden.